Werksansicht um 1885Die Carlshütte in Delligsen

Delligsen, heute eine Einheitsgemeinde mit etwa 10.000 Einwohner, liegt in Niedersachen im Landkreis Holzminden, westlich der Bundesstraße 3, etwa in der Mitte der Strecke Hannover – Göttingen. Bis zur Gründung des Landes Niedersachsen gehörte es zum ehemaligen Herzogtum Braunschweig, Krs. Gandersheim (im sogenannten Weserbezirk). Zum Landkreis Holzminden kam der Ort infolge der Gemeinde- und Gebietsreform. 

Die Gründung der Hütte erfolgte 1735 durch den Herzog Carl I. von Braunschweig. Sie bestand von 1735 – 1845 als ein herrschaftliches Unternehmen. An Betriebeinrichtungen waren vorhanden ein Hochofen, zwei Frisch- und ein Zainfeuer.1740 erfolgte zusätzlich der Betrieb eines Blauofens in einer Nebenanlage bis um 1802. 

Die Produktion der Öfen bestand in der Hauptsache aus der Darstellung von Roheisen. Doch es befand sich schon von Anfang an eine Formerei in der Hochofenhütte, in der man nach dem urtümlichen Arbeitsverfahren, dem Herd- und Leimguß (Lehmguß), arbeitete. Ein großer Teil des gewonnenen Roheisens wurde in der Hammerhütte durch Frischen, einer weiteren Wärmebehandlung, in Schmiedeeisen überführt und zu Stab- und Bandeisen, sowie Wagenachsen aus-geschmiedet. Durch die identifizierung  Carlshütter Ofenplatten ist die Produktion von Öfen schon für die früheste Zeit gesichert  

Dem Beispiel der schlesischen Hütten folgend begann der Hüttenofficiant der Carlshütte Tiedemann auf Vorschlag des Kammerrats Ribbentrog von Blankenburg, der verschiedene Medaillen aus Malepane in Schlesien mit gebracht hatte, diese nachzugießen. Auch die Carlshütte begann sich im 19. Jahrhundert vermehrt dem künstlerischen Eisenguß zuzuwenden. Um Medaillons zu gießen musste sie sich, da ein Kupolofen noch fehlte, des vorhandenen Tiegels bedienen.

1831 wurde dann ein Kupolofen in der Hochofenhütte aufgestellt und nur 5 Jahre später erfolgte der Kauf einer Gebläsemaschine, einer sogenannten „Cagniadelle“, von der Maschinenfabrik Henschel. Doch das immer stärker auf den Markt drängende Eisen Englands und Preußens machte technischen Verbesserungen zunichte. Ihre Standortvorteile mit den billigeren Steinkohlen im Rücken konnten die Waldhütten nicht ausgleichen. So entschloss man sich 1845 in Braunschweig zum Verkauf der Carlshütte an den Bergrat Koch in Grünenplan, den Besitzer der dortigen Spiegelglashütte. 

Nach 1845 wird die Carlshütte durch den Bergrat Koch geführt, der 1847 die Concession für den Betrieb des Hüttenwerks unter den Namen „Eisenwerk Carlshütte“ erhielt. Die Hütte kam nun in Familienbesitz. Als 1852 – 54 die Südbahn von Hannover nach Göttingen gebaut wurde, da errichtete die Delligser Carlshütte ein Zweigwerk am Bahnhof in Alfeld, um die Vorteile des neuen Verkehrmittel zu nutzen. Das Werk in Delligsen erhielt erst 1902 einen Bahnanschluss. In Delligsen begann man nach 1847 die Gießerei von der Hochofenhütte zu trennen und am 2. Juni 1849 erfolgte der erste Guß in einer Formerei. Hatte man noch 1840 über den Mangel an neuen Ofenmodellen geklagt, so änderte sich dieses und vorzügliche Kästchenöfen, deren Hauptabsatz in die Hansestädte ging wurden angefertigt. Durch einen glücklichen Zufall hat sich der Auftragseingang der Jahre 1854 und 1855 erhalten, der sich in diesem Zeitraum auf 4064 Kästchenöfen belief. 

Kandelaber für die Lombardsbrücke in HamburgNeben den reich verzierten Zirkulieröfen, wurden noch Kandelaber, Säulen, Grabkreuze Fontainen, Gedenktafeln, Radiatoren und andere mehr. Aber auch Veranden, Wartehäuser und Wettersäulen, alle reichlich verziert gegossen. Der Höhepunkt dieses künstlerischen Eisengusses bilden wohl die im Jahre 1870 vom Bildhauer Börner entworfenen und von der Carlshütte gegossenen Kandelaber für die Lombardsbrücke in Hamburg. Sie gehören heute als ein industrielles Denkmal zu den Wahrzeichen der Hansestadt Hamburg. 

Da die eigenen Finanzkräfte nicht ausreichten bildeten die Gebrüder Koch 1872 eine Aktiengesellschaft mit dem Namen „Eisenwerk Carlshütte AG“. Die Betriebe wurden nun mit hohen Kapitalaufwand zu Maschinenfabriken umgestaltet, eine neue Gießerei gebaut und die Hütte in Bornum hinzugekauft. Die Hauptproduktionen bestanden weiterhin aus Zimmeröfen, Candelabern etc., Bauguß aller Art und einer neuen Produktion von polierten Hartgußwalzen für Kalander und Mahlmühlen. Dazu wurden im Maschinenbau Turbinen und vollständige Einrichtungen für Zuckerfabriken, Mahlmühlen und Papierfabriken hergestellt. Hatte man schon öfter über die Einstellung des Bergbaus nachgedacht aber wegen des guten  Hilser Roheisens, das sich so vorzüglich für die Ofenherstellung eignete und ein frühzeitiges Reißen der Platten verhinderte, dieses immer wieder hinausgeschoben, so entfiel dieser Grund durch die neue Generation ausgemauerter Öfen. 1895 entschloss sich die Hütte zur Einstellung des Bergbaus und des Hochofenbetriebs. 

Säule für die Allgemeine Orientirungssäulen- Gesellschaft m.b.H. DresdenEine Konjunkturabschwächung führte 1901 zum Konkurs. Im Jahre 1902 folgte die Nachfolgefirma, die unter dem neuen Namen “Braunschweigische-Hannoversche-Maschinenfabrik“ firmierte. Neu im Programm sind nun Dampfmaschinen, Brikettpressen, Gasmotoren und Pumpen. 1905 entstand die bis 1958 bestehende Herdfabrik. Im Jahre 1908 kam es zur Verschmelzung mit der Bernburger Maschinenfabrik. Bis 1909 lag der Hauptsitz der Firma in Bernburg. Danach kam er zurück nach Alfeld und das Werk in Bernburg wurde stillgelegt. 

Es beschreibt die Firma ihre Aktivitäten wie folgt.

Das Arbeitsprogramm der ehemaligen „Carlshütte“ ist stets gewachsen. Im Herzen der Kaliindustrie liegend nahm sie als neuen Zweig die Einrichtung von Chlorkaliumfabriken auf und hat hier durch Einführungen von Neuerungen bahnbrechend gewirkt.

Als Hauptfabrikationszweige kommen in betracht:

1.      Allgemeiner Maschinenbau: Fördermaschinen für Bergwerksanlagen, Trocknungsanlagen für chemische und landwirtschaftliche Produkte, automatische Faß- und Sackpackmaschinen, insbesondere für die Zementindustrie.

2.      Komplette Einrichtungen für Chlorkalium-Fabriken und Sulphatstationen nach Lösekessel-Verfahren, so wie auch für kontinuierlichen Betrieb nach bewährten System, sämtliche Apparate für die chemische Industrie in Gußeisen und Stahlblech, Blecharbeiten, autogenes Schweiß- und Schneidverfahren.

3.      Einrichtungen für Brikettfabriken für Braunkohle und Torf, Brikettpressen für Holzspäne, Futterstoffe usw., Preßformteile, Kollergänge, Walzwerke.

4.      Papiermaschinen-Bau: Vollständige Papier- und Pappenfabriken, Holländer, Knotenfänger, Trockenzylinder und Walzen.

5.     Gießerei: Gußteile bis zum größten Stückgewicht, roh und bearbeitet, Hartguß für alle Industriezwecke, Kunst- und Bauguß.

6.      Walzenfabrik: Kokillen – Hartgußwalzen in vollendeter Bearbeitung für Kalander, Papiermaschinen, Gummimaschinen, Müllereiwalzen, Blechwalzen.

7.      Herd- und Ofenfabrik: Transportable Kochherde emailliert und lackiert, Gaskocher, Dauerbrandöfen, Emaillier- und Vernicklungsanstalt.

Säule für die Annoncen-Uhr-Actien-GesellschaftMit der Einrichtung des Waggonbaus ab 1917 kam es zur erneuten Umfirmierung der Werke in „Fahrzeug und Maschinenfabrik Alfeld – Delligsen“. Die zunehmende Krise in Deutschland wirkte sich auch bei den Fabriken in Delligsen und Alfeld mit zunehmender Arbeitslosigkeit aus. Das endgültige Aus kam aber durch die Einstellung der deutschen Reparationsleistungen, die den gesamten Waggonbau in Delligsen zum erliegen brachte. Größere Aufträge in Bergwerkseinrichtungen kamen nun aus Geldmangel nicht mehr zur Ausführung und die Firma musste 1931 Konkurs anmelden. 

Das Werk in Alfeld übernahm nach kurzer Zeit der Ing. Heinrich Daus, vormals technischer Direktor und Vorstandsmitglied der Maschinen und Fahrzeugfabriken und erwarb es 1933 käuflich von den Obligationären. Die Abteilung Herdfabik des Delligser Werkes wurde ebenfalls pachtweise von Daus mitbetrieben und seit 1933 als selbständige Aktiengesellschaft unter dem Namen „Herdfabrik Delligsen AG“ geführt. Doch der Hauptteil des Werkes in Delligsen wurde demontiert. 

1938 kaufte die August Engels GmbH in Velbert (Rhld.) die Gießerei und Bearbeitungsstätten der ehemaligen Carlshütte und am 6. Juli erfolgte der erste Grauguß unter dem Werkszeichen „AE“ aus zwei Kupolöfen. Gleichzeitig wurde auch ein Temperofen gebaut und im Jahre 1939 kam ein Bessemer-Konverter zur Produktion von Stahlguß hinzu. Infolge des 1939 beginnenden Krieges begann ein großzügiger Ausbau des Werkes, der 1942 zur Anlage eines 10 T E-Ofens führte. Die Produktion bestand fast ausschließlich aus kriegswichtigen Erzeugnissen, vor allen Wurfgranaten und Laufketten für den Panzer Tiger und einer Einheitslaufkette für Sturmgeschütze. Eine Brakelberge Ofenanlage mit zwei Öfen kam bis zum Kriegsende 1945 nicht zum Einsatz. Die Belegschaftszahl hatte sich bis zum 1.1.1945 auf 1179 Personen erhöht und bestand aus 248 männl. und 56 weibl. Deutschen, 200 männl. und 251 weibl. Fremdarbeiter, 257 sowj. und 164 italienischen Kriegsgefangenen. 

Nach 1945 mußten der E-Ofen sowie die Brakelsbergeröfen als Reparationgüter abgegeben werden. Es gelang allerdings schon 1946 eine Genehmigung der englischen Militärverwaltung für die Produktion von Bessemerstahl zu erhalten. In der Folgezeit wurden in Delligsen Grau- und Stahlguß hergestellt. Hinzugenommen wurde die Produktion von hochleistungsfähigen Ventile. Doch der Betrieb litt unter Investitionsmangel,  Maschinen und Anlagen waren überaltert. Da übernahm ein Gesellschafter der August Engels GmbH in Velbert das Delligser Werk und nannte es unter Anlehnung an die ehemalige Carlshütte, „Friedrich-Carl-Hütte“ (FCH). Zur Vor- oder Fertigbearbeitung der Gußteile wurde 1956 in der ehemaligen Temperhalle ein Bearbeitungswerk eingerichtet. Gleichzeitig nahmen zwei neue E-Öfen den Betrieb auf. Im Jahre 1957 kam es zu finanziellen Schwierigkeiten. Ein neuer Gesellschafter, der Graf von der Schulenburg wurde Geschäftsführer. Die Ventilfertigung wurde verkauft und die Graugußproduktion eingestellt. 1958 sind die Gebäude der inzwischen in Konkurs geratenen Herdfabrik hinzu gekauft. Bei erneuten finanziellen Schwierigkeiten übernahm die Braunschweigische Landesbank die Mehrheit der Gesellschaftsanteile. In den Jahren 1971 – 1973 konnten Gebäude und Einrichtungen einer Stahlgießerei mit den erforderlichen Nachfolgeabteilungen für ca. 30 Millionen vollständig neu aufgebaut werden. Doch 1984 kam das endgültige Aus und eine fast 250-jährige Hüttengeschichte fand damit ihr Ende. 

Zusammengestellt von Friedrich Heise, Delligsen

Bildmaterial: Dorfmuseum  Delligsen

Sonderseite: Die Annoncen-Uhr-Actien-Gesellschaft

Sonderseite Allgemeine Orientirungssäulen- Gesellschaft m.b.H. Dresden

 


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